Sozialkritischer Stadtbummel, Randgruppen, unzensiertes Kinderbuch: Alltag in Berlin


Kinderalltag am Alex (besserer Titel???)


Jan und Ali sind Brüder.

Sie haben in echt zwei verschiedene Mamas und Papas, aber sie sehen sich jeden Tag.

Jan wohnt mit seiner Mama in der selben Straße wie Ali. Die Papas von Jan und Ali wohnen beide

in anderen Wohnungen.

Ali und Jan haben beide noch keinen Kindergartenplatz.

Wenn Ali immer bei seiner Mama ist, kann sie ihm kein Geburtstagsgeschenk kaufen, denn Ali würde das ja sehen. Auch bei Jan wäre es das gleiche: keine Überraschung!

Die Mütter wechseln sich also oft ab.

Wenn Jan bei Ali ist, passt Alis Mama auf die Kinder auf und Jans Mama kann etwas allein machen z.B. am Computer etwas schreiben, putzen oder eine Arbeit suchen.

Manchmal sind die beiden Jungs auch bei Jan zu Hause.

Dann lernt Alis Mutter für ihre Prüfung oder sie telefoniert mit anderen Freunden.


Die Mütter haben sich sehr gern.

Sie unternehmen viel gemeinsam, lachen und nehmen sich in den Arm.

Jan und Ali sind schon Brüder, jetzt wollen auch ihr Mütter

Schwestern sein. Oder einfach Frau und Frau. Das ist wie Mann und Frau, aber eben zwei Frauen. Sie wohnen jetzt alle zusammen in einer großen Wohnung.

Jan und Ali streiten sich manchmal, weil sie ein Zimmer teilen müssen. Aber so ist das mit Brüdern.

Jans Mama meckert, wenn Ali etwas falsch macht und Jan muss auch auf Alis Mutter hören.

Die Mamas schlafen in einem großen Bett zusammen. An manchen Tagen kuscheln sie alle zusammen dort. Manchmal streiten sich die Mütter untereinander. Doch wenn Jan und Ali ihnen etwas basteln oder vorsingen, vertragen sie sich wieder schnell.


Heute machen alle 4 zusammen einen Ausflug. Sie fahren zum Aleanderplatz. Der Fernsehturm ist ein Wahrzeichen von Berlin. Dort gibt es Schräghänge, auf die Kinder gern hinaufklettern. Jan und Ali wollen da rutschen. Viele Touristen sind da, Jan und Ali sehen Kinder in anderen Hautfarben und hören fremde Sprachen.

Ständig filmt oder fotografiert jemand etwas.

Viele Leute gehen in den Fernsehturm hinein oder fahren mit einem Fahrradtai zu einem der vielen Museen. Aber die Familie von Jan und Ali hat nicht so viel Geld.

Sie machen lieber, was nichts kostet.

Ein Junge klettert weit hinauf auf den Schräghang.

Jan und Ali haben schon Angst, dass er hinunterfällt, aber er ist ja schon groß und ohne seine Eltern da.

Dann saust er mit dem Skateboard hinab und bremst hart. Er springt auf dem Board herum, dass es nur so kracht.

Die Mütter passen auf Jan und Ali auf, sie dürfen nicht zu hoch klettern und dürfen beim Herabrutschen nicht in die Quere solcher Stuntman-Anwärter kommen.


Es ist sehr warm und Jan hat sehr dreckige Hände vom Klettern. Ali muss pullern.

Jans Mama sucht für ihn einen Baum, wo keine Hundeschiete zu sehen ist, da darf er ranpullern. Gar nicht so einfach, wenn der Papa einem nie gezeigt hat, wie man draußen im Stehen pullert. Die Mamas kiechern und unterhalten sich darüber.

Jan planscht schon am Springbrunnen bei den lustigen Wasserspielen und Ali wäscht sich dort die Hände. Dann klettert er Jan hinterher und sie ducken sich unter den Fontänen während sie über die Steinplatten auf die andere Seite des Brunnens laufen.

"Passt ja gut auf," rufen die Mütter.

Sie sonnen sich ein wenig. Doch lang haben sie keine Ruhe.

"Ich will meine Schuhe ausziehen," ruft Jan. Eine Mama muss helfen. Als er fertig ist, sagt Ali: "ich auch!"

Dann kommt eine junge Frau mit einem Baby im Tragetuch vorbei.

Sie fragt: "Speak English?" Die Mütter schauen sich an.

"Bieeete, bieete," sagt sie und zeigt ein Pappschild vor.

Das Baby schläft erschöpft in der Hitze, Jans und Alis Mama denken daran, wie es doch war, als ihre Jungs so klein waren und ob man nochmal eins bekommen solle...

sie haben aber kein Geld und tun so, als könnten sich nicht Englisch, stehen auf und spielen mit ihren Kindern.


Sie gehen zur Volleyballwiese, da wollen die Kinder buddeln. "Aber nicht mitten im Schieter," ruft Alis Mutter. Vor dem Rathaus campiert eine kleine Dauerdemo. Ein Journalist geht mit einem Microfon herum und befragt die Leute nach den Erwartungen an ein großes Fußballspiel. Auch Jan fragt er, aber Ali redet immerzu dazwischen. "Unsere Mamis erlauben uns keinen Fernsehn!"


Ein paar Mädchen schlendern mit ihren Mini-Täschchen vorbei, und halten sich alle ihre Handys ans Ohr. Sie tauschen Klingeltöne aus und es macht immerzu "bimmelim... klingeling.. oder es stöhnt und grunzt aus manchem Handy.

"Mann, sieht der geil aus," ruft eins der Mädchen, das die Volleyballspieler ansieht.

Ali lacht: "Mama, der hat gesagt, sieht der heil aus! Haha!"


Dann machen sie eine Spielpause, die Kinder sind pitschenass und voller Buddelsand. Sie setzen sich auf den grünen Rasen vor dem Bahnhof.

Dort liegen ein paar junge Leute mit Schottenröcken, offenen Stiefeln und zerschlissenen bunten Hosen bekleidet. Auf den T-shirts haben sie oft gruselige Monster oder es steht etwas drauf. Ein Mann trägt einen langen Mantel aus Leder und viele Metallketten.

Die Leute trinken in Ruhe ihre Getränke und dösen in der Hitze. "Mann, die stinken ja nach Coca Cola," sagt Ali. Jan lacht. Er weiß, dass Ali Coca Cola immer mit Schnaps verwechselt, weil sich das lustiger anhört.


Ein Älterer Mann geht über die Wiese. Er hat dort geschlafen. Seinen Schlafsack trägt er auf dem Rücken und an seinen dunklen Fingernägeln sehen Jan und Ali, dass er sich nicht die Hände gewaschen hat. An einem Papierkorb bleibt er stehen und greift hinein. Jan und Ali sehen ihn eine Flasche rausholen, wie die Mamas sie immer im Supermarkt abgeben.


"Oh, mich hat eben der Typ angerufen, der uns im Internet den Kinderroller verkaufen wollte," sagt Jans Mama.

Schnell rennen sie alle zur Bahn und fahren ein paar Stationen nach Westen.

Der Kauf geht schnell von statten und sie fahren wieder zurück. Bevor sie einsteigen, geht Alis Mutter zum Papierkorb, eine Bananenschale entsorgen im Mülleimer, der nur für Papier ist. Anscheinend wurden die anderen 3 Müllbehälterarten vergessen.

Ein Mann fragt sie nach ihrer Telefonnummer. "Oh, schöne Frau..." sagt er in gebrochenem Deutsch.

"Wollen feiern im Sage-Club? Gib mir Nummer, heute tolle Party!"

Alis Mutter lacht. "Jeht nich, die Kinder, weeste," berlinert sie zum Spaß. Die Kinder lachen.


In der Bahn reden Ali und Jan mit einem Mädchen in einem adretten Kleid. Sie wollen unbedingt zeigen, dass sie die größten sind. Sie machen sich lustig und reden über die Punker.

"Was sind Punker," fragt das Mädchen. Jan erklärt: "Na die trinken Bier und rufen scheiße!"

"So etwas sagt man nicht," erklärt das Mädchen. Doch laute Musik ertönt. Jan, Ali und das Mädchen lauschen gebannt einer russischen Ziharmonika-Melodie.

Ein anderes kleines Mädchen mit schwarzen Haaren kommt herbeigelaufen und sammelt Geld ein. Manche Leute schauen etra aus dem Fenster oder auf ihre Handys, schieben sich die Kopfhörer ihrer I-Pods tief in die Ohren. Jan schmeißt 10 cent in den Sammelbecher. Ali hat kein Geld, aber seine Mama gibt ihm einen Schokoriegel. Den schenkt er dem Mädchen. Plötzlich erscheint ihr großer Bruder und nimmt ihr den Riegel weg. "Das ist gemein," beschwert sich Ali. "Den hab ich Dir nicht geschenkt!"

Die Bahn hält an und fährt gleich weiter, viele Menschen kommen jetzt von ihrer Arbeit nach Hause. Auch die ohne Arbeit wollen jetzt gerade irgendwo hinfahren und die Bahn ist ganz voll.

Eine sehr dünner Mann drängelt sich herein. Er ist noch jung. Er erzählt kurz eine Geschichte, dann will er eine Zeitung verkaufen. Die haben wir schon, sagte Alis Mutter zu ihm. Die anderen Fahrgäste stecken die Kopfhörer von ihren I-Pods noch tiefer in ihre Ohren.

Ein gebildet ausschauender Herr kauft dem jungen eine Zeitung ab, bezahlt aber zu wenig Geld.

Die Mutter des adretten Mädchens spendet 20 cent zum Schlichten.


Jetzt steigen Ali und Jan mit ihren Mamas aus.


Sie sind wieder am Aleanderplatz und sehen am Ausgang vom Bahnhof noch einige Hunde herumlaufen. Die beschnuppern sich und bellen, ein Mann zieht ärgerlich seinen Terrier weg von den großen Hunden. Deren Herrchen und Frauchen sind auch Punker, sie haben Nasenringe und hören leise Musik aus einem tragbaren Radio. M it Pappbechern um Spenden bittend sitzen sie vor dem Tor. "Haben sie ne kleine Spende," fragen sie alle Vorbeigehenden. Einer von ihnen läuft am Fahrkartenautomaten herum. "Haben Sie ein altes Ticket," fragt er. Alis Mama verneint und zerrt Ali vom Automaten weg. Er und Jan spielen zu gern daran herum und drücken einfach irgendwelche Knöpfe.


Sie müssen schnell weiter, es wird langsam stressig für die Eltern und die Kinder dallern wild herum.

Aber sie wollen noch ins Reformhaus. Dort kriegt man Sachen, die nicht von Tieren sind. Sie essen alle keine Tiere und auch Milch und Käse kaufen sie nur selten. Weil das Essen hier sehr teuer ist, können sie nicht so oft zu MacDonalds wie andere Kinder gehen und auch nicht in ein Restaurant. Dafür kochen die Mütter selbst, das schmeckt den Kindern. Am liebsten essen sie sowieso nur Tofu-Wurst und Nudeln.

Die Mütter schauen sich auch die Kosmetika an. Jan und Ali ist das langweilig und sie fangen an zu singen. Eine alte Dame schüttelt den Kopf.

Jan und Ali grölen laut und stacheln sich gegenseitig immer weiter dazu an. Sie spielen Rapper und springen auch dazu herum.

"Gehören die Kinder zu ihnen," fragt die alte Dame Jans Mutter.

"Ja, wieso?" "Na finnen Se det normal?"

"Die Kinder singen eben," wirft Alis Mutter frech ein.

"Na Singen is wat anneret," kontert die alte Dame und geht.


Ein Eis gibt es aber noch für alle, auch wenn die Kugel jetzt mehr als das doppelte kostet im Vergleich zu früher.

Dann fahren sie alle nach Hause, der Tag war lang genug.


Auf dem Weg zur Straßenbahn werden sie noch von der Seite angesprochen. Zwei Frauen in roten Sommerjacken stehen da und drücken ihnen Zettel in die Hand. Jan und Ali sollen sich Bilder von Tieren anschauen, denen der Tierschutzverein schon geholfen hat und wofür er weiter Geld sammelt. "Wir essen ni von Tieren," sagt Jan laut. "Genau, das reicht," wirft Alis Mama ein und alle hetzen sie zur gelben Straßenbahn, die gleich abfährt. "Die komische Bahn," johlen Ali und Jan begeistert.

Drin setzen sich die Jungs auf den Fahrerplatz. Der ist ein Metallkasten hinter einem Einzelsitz.

Ein Mann mit einem riesigen Kontrabass muss sich noch hineinquetschen. Zwischen den Rufen der Kinder hört man einen Mann, der für sich selbst immer die Bahnhaltestellen aufsagt.